Mister & Missis.Sippi

Auf den Spuren Mark Twains mit dem Floß durch die Südstaaten

Praise The Lord

_MG_0577Gospelmusik fetzt. Sie klingt gut und gibt Kraft. Die großen Vertreter ihrer Zunft haben sie auch in Europa bekannt gemacht: Mahalia Jackson oder das legendäre Golden Gate Quartet. Die haben wir sogar im Osten gehört – und bewundert.  In meiner Heimatstadt Jena hat sich ab Ende der 8Oer Jahre ein Gospelchor gegründet, dem ich irgendwann beitrat. (Das war übrigens noch vor meinem Stimmbruch und ich sang Sopran.) Wie so häufig im Osten war wohl auch in Bezug auf diesen Chor die Begeisterung über das Fremdartige ein konstituierendes Element. Was heißt eigentlich Gospel? Das lernten wir nach der Wende von dem wunderbaren Komponisten Jean Berger aus Denver, Colorado, der trotz biblischen Alters mit unseren „Jena Jubilee Singers“  das ein oder andere Werk einstudiert hat: GOD SPELLS. Die verkürzte Form ist GOSPEL (und nicht pluralfähig – das nur für den grammatisch interessierten Leser).

Ich war sehr gespannt auf den Gospelgottesdienst in der Mississippi Boulevard Christian Church, Memphis, TN. Sonntag 19.07.09, 10.00 Uhr ging’s los. Das Kirchengebäude war ungefähr so groß wie das Audimax einer mittleren Universität und im funktionalen Backsteinschick der frühen 90er Jahre gehalten, mit abgehangener Decke und Neonröhren. Das Kirchenschiff war riesig, die zwei überdimensionierten Leinwände im Altarraum überbrachten die Namen der ehrhaften Spender. Die Liste ging lang. Amazing Grace markierte den Beginn des Gottesdienstes, das riesige Kreuz nahm seine diskofarbene Beleuchtung an und die vielen blauuniformierten Ordner wiesen die Besucher auf ihre Plätze. Was in den kommenden 90 Minuten folgte war eine perfekt aufeinander abgestimmte Perfomance. Der Gospelchor brachte die Massen erst einmal in Stimmung, die anschließende Predigt war gespickt mit Elementen der Komik und die Keynotes wurden als Stichworte auf die Leinwände gebeamt. Damit man sie besser behält.  Zwischendurch begrüßte der Pastor zwei Gäste aus Frankreich und die Leinwand zeigte ein fröhliches BIENVENUE. Dann begrüßte der Pastor zwei Gäste aus Deutschland und die Leinwand zeigte ein fröhliches WILLKOMMEN. Und da President Obama wenige Tage zuvor seine schwarzen Landsleute zu mehr Engagement und gesünderem Leben aufgefordert hat kam am Schluss des Gottesdienstes auch gleich noch die passende Losung für die anstehende Woche auf die Leinwand: less sugar, less fat, less meat, less salt. Nachdem, was wir hier in Amerika in Bezug auf Ernährung haben lernen müssen hoffe ich inständig, dass die Gemeinde wenigstens diese Worte Ernst nimmt.

Also ein bisserl befremdlich war das alles schon. Das darf es ja auch sein, denn man muss da ja nicht jeden Sonntag hin (man kann nämlich auch jeden Mittwoch hin). Ja und der musikalische Eindruck? Alles war perfekt inszeniert und musiziert, aber ich hatte mir mehr Musik erhofft. Mehr Lieder, mehr Sänger. Es hielt sich dann doch ziemlich im Rahmen. Ja zugegeben, Amazing Grace ist Gänsehautgarant, vor allem, wenn es die dritte oder fünfte Transposition erreicht und die Massen mitsingen. Übrigens ist Amazing Grace ein sog. white Spiritual. Es ist geschrieben auf der pentatonic scale (auch genannt: black scale), jedoch gedichtet von einem Weißen: John Newton. Und was war John Newton bevor er zum Christentum bekehrt worden war? Er war Kapitan auf einem britischen Sklavenschiff und erlebte während eines Sklaventransfers nach Amerika auf dem Atlantik eine wetterbedingte Beinahekatastrophe.  Ab diesem Tag begann er, seinen Job zu hinterfragen und wandte sich später energisch gegen die Sklaverei. Sein Wirken war maßgeblich für deren Abschaffung im britischen Empire. Ein schöne Geschichte zu einem schönen Lied. Unbekannt jedoch ist der Komponist der Melodie. Und so steht leider nur in jeder Partitur: Text – John Newton, Melody – unknown. (cashfloh)

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Ein Gedanke zu „Praise The Lord

  1. melody – unknown

    Das merkt man immer wieder, insbesondere, wenn Fußballspieler die Nationalhymne singen oder ich ein beliebiges Lied.

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