Mister & Missis.Sippi

Auf den Spuren Mark Twains mit dem Floß durch die Südstaaten

Mount Mississippi

Wenn wir auf dem Floß sind, rudern wir. Wir rudern. Wir rudern richtig. Nicht nur für die Kamera. Alle rudern; wir wechseln uns ab. Seit Jadwiga und Tom nicht mehr auf dem Fluss sind, sondern mit dem Auto vorfahren, seit Seth krank geworden ist und Big Muddy Mike uns für einige Tage wegen eines Termins verlassen musste, sind die Ruderpausenzeiten für jeden arg zusammengeschrumpft. Ab und zu können wir uns für ein oder zwei Stunden einfach treiben lassen, aber in der Zeit drehen wir oft.

Das ist nicht ganz, was wir uns vorgestellt haben, das ist auch nicht ganz der Huckleberry-Finn-Stil, aber Huck und Jim hatten auch keine Verabredungen, keinen Produktionsplan und keinen Rückflug nach Deutschland.

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(Das Kamerateam fährt im Kanu voraus)

Ich habe nicht erwartet, dass es so schön ist auf dem Mississippi. Vor der Abreise bin ich ihn schonmal komplett mit Google Earth abgefahren und irgendwie sah alles nur braun und grau und öde aus. Okay, der Fluss ist wirklich braun, aber beeindruckend und über weite Strecken hat man das Gefühl, durch die Wildnis zu fahren. Oft ist der Waldstreifen am Ufer laut John nur sehr schmal; dahinter beginnen die Felder; aber dem Gefühl tut das keinen Abbruch. Abends landen wir auf einsamen Inseln mit dichten Wäldern und langen, reinweißen, fußstapfenfreien Sandständen, essen am Lagerfeuer und die Mosquitos reiben sich die Augen, fallen sich in die Arme und können ihr Glück kaum fassen. Und dann machen sie sich an die Arbeit. Abend- und Morgenröte, Regenbögen und tolle Wolken werden in großer Menge bereitgestellt; ein All-You-Can-Watch-Buffet.

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(Vor dem Sturm)

Die Regenbögen muss man sich allerdings verdienen. Für den schönsten von allen, einen kompletten doppelten, mussten wir vorher einiges erdulden. Wir hatten schon am frühen Nachmittag angelegt, weil die Hitze auf dem Fluss an diesem Tag zu groß wurde und weil wir Zeit für eine Inselerkundung haben wollten. Außerdem war ein gewitter angekündigt, für den späteren Nachmittag und vorher sollten die Zelte stehen und das Feuer brennen.
Es erwischte uns am Beginn  der Inselerkundung, nur 300 Meter vom Lager entfernt, aber wir schafften es niucht zurück. Patricia sprang kurz in einen See, der sich auf der Insel gebildet hatte, weil wir dachten, wir hätten noch eine halbe Stunde, bis der Regen anfängt. Dann ging das Gewitter los, immernoch Kilometer entfernt, aber ganz plötzlich war der Wind da. Der Sturm. Eine Wolke aus Sand fegte von der Nachbarsandbank auf uns zu. Patricia floh aus dem Wasser, wir nahmen Beine und Kameras in die Hand und rannten los, doch nach wenigen Metern erwischten uns eine Wand aus Wasser, Hagel und Sand, wir kauerten uns neben einem Bäumchen zusammen, die Blitze kamen immer näher, der Donner wurde lauter, der Wind stärker, es war kaum noch möglich zu stehen. John versuchte es dennoch hin und wieder, stand auf, streckte die Hand aus und versuchte die bösen Geister zu vertreiben, was ihm nach einer Viertelstunde auch gelang. Später erzählte er, dass er – wie wir – Angst gehabt hätte, es sei einer der schlimmsten Thunderstorms gewesen, die ihn je auf einer Tour erwischt hätten, eine „Super Cell“ – Mutter aller Tornados.
Als das gröbste überstanden war, rannten wir zum Lager zurück. Alle Zelte waren umgestürzt und weggeflogen, egal, wieviel Gepäck in ihnen gelegen hatte. Mikes Zelt hatte die Flugbahn eines brennenden Holzscheites gekreuzt und war teilweise angebrannt, Sabines Zelt fanden wir erst nach einer Dreiviertelstunde. Meins hatte sich nur zwei, drei Meter entfernt auf der Seite liegend in einem Gebüch verfangen, die Reißverschlüsse waren kaputt, das Überzelt eingerissen, meine Sachen lagen in einer tiefen matschigen Pfütze aus Wasser und Sand, die der der Wind hineingedrückt hatte.
Das Abendbort war nicht besonders ausgefuchst, keine Molekularküche, keine drei Gänge, kein Schnickschnack. Ein riesengroßes Stück Fleisch und Maiskolben und Knoblauchzehen direkt aus dem Lagerfeuer. Selten so gut gegessen … und zum Nachtisch wie gesagt ein doppelter Regenbogen vor einer düsteren, vor sich hin wetterleuchtenden Gewitterfront … geil.

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(Abbildung ähnlich. Das ist nicht der Regenbogen nach dem Sturm.)

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(Zum Feuerholzholen auf die Nachbarinsel)

Die Leute hier nennen den Mississippi oft und gerne den „Mount Everest der Flüsse“, was wirklich interessant ist: Der Mount Everest heißt auf tibetisch bekanntlich „Chomolungma“, was soviel bedeutet wie „Mississippi der Berge“.

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(Pause)

Viele Grüße aus Vicksburg, Mississippi!

(VS)

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3 Gedanken zu „Mount Mississippi

  1. Pingback: Keep on smiling, Spinne … « Schnipselfriedhof

  2. Warum ist eigentlich der Boden überall so aufgerissen und offenbar trotzdem zum einsinken schlammig?

  3. Wow! Das sieht echt wahnsinn aus und macht mich ganz neidisch! Andererseits ist das Bild der Gewitterfront echt diabolisch! Aber solange Spinne weiterlächelt… 🙂

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