Mister & Missis.Sippi

Auf den Spuren Mark Twains mit dem Floß durch die Südstaaten

Mississippi Surfin‘

Jetzt sind wir im Süden, aber richtig. In St.Francisville, kurz vor Baton Rouge und anderthalb Stunden nördlich von New Orleans. Ich sitze auf der Veranda unseres Bed&Breakfast, des ältesten Hauses am Ort (late 1700s), und es hat dankenswerterweise eine Hollywoodschaukel, die aber wohl erst später dazukam. Es fühlt sich an wie in der Biosauna, hinter mir schuftet eine Klimaanlage vor sich hin, neben mir die Zikaden, und die einzige Abkühlung ist der „Wind“, den ich beim Schaukeln mache. Ob bei dieser Hitze irgendwelche Inspiration über mich kommt? Volker meint, Transpiration statt Inspiration sei angesagt.

Ich versuchs mal mit beidem.

baeumeGestern abend, als wir völlig abekämpft und müde hier ankamen, war nix mit schnell in die Zimmer und ausruhen. Erstmal mussten wir die Museumsführung unserer Landlady über uns ergehen lassen. Da gibt es Möbel von 18hundert-blah, Matratzen, die mit „spanish moss“ gefüllt sind (dem bartartigen Zeugs, das hier so malerisch von den Bäumen hängt) und eine Küche, in der man vor lauter Bären die Spüle nicht sieht. Lustig sind auch die Treppen: an denen kann man erkennen, wie alt ein Haus ist. bearsDenn vor 1812, als die Spanier das Sagen in Louisiana hatten, haben sie eine Steuer auf innenliegende Treppen erhoben. Deshalb haben die Leute ihre Treppen einfach nach außen verlegt. Und später dann um die Außentreppe herum wieder ein Stück Haus gebaut. Entsprechend verwinkelt sind die Flure und Treppenhäuser in den alten Häusern von St. Francisville.

Ich persönlich finde das alles ganz amüsant, habe aber glaube ich einen Land-Koller. Es zieht mich zurück auf den Mississippi. Kann nicht glauben, dass man selbst in einem so alten Haus kein einziges Fenster öffnen kann (noch nicht mal in Bad und Klo, wo das ja vielleicht ab und zu ganz hilfreich sein könnte). Als ich der Landlady sagte, ich hätte gern ein bisschen frische Luft im Zimmer, meinte sie „You don´t want that. The air isn´t fresh, it´s humid!“. Aber die gute Frau ist auch weiß wie die Wand – wie man halt so aussieht, wenn man so eine Art Grottenolm-Leben in eisgekühlten abgedunkelten Häusern lebt (drin ist es so kalt, dass das Kondenswasser in Strömen die Fenster runterfließt). Ich bin selbst ein bisschen besorgt über meinen heimwehartigen Zustand, denn selbst das ohrenbetäubende Dröhnen und Hupen der Schubverbände, das man vom Fluss herüber hört, klingt wie Musik in meinen Ohren…bedenklich, bedenklich – aber verständlich, wenn man sich dran gewöhnt hat, unter SO einem Himmel aufzuwachen!

morgenrot

Die letzten beiden Tage auf dem Floß waren nicht so einfach, weil wir immer wieder von Gewittern gestoppt wurden. Wir wissen ja inzwischen, was es heißt, wenn so eine grauschwarze Wolkenwand aufzieht und legen uns entsprechend ernsthaft ins Zeug, um so fix es geht an Land zu kommen. Andere Möglichkeit gibt es nicht. Aber auch das Zwangs-Anlanden hatte sein Gutes: wir haben das Floß fest vertäut und uns mit den beiden Kanus auf Erkundungstour gemacht, in den Seitenarmen des Mississippi. Sieht ein bisschen aus wie im Spreewald, nur dass man hier etwas besser aufpasst, nicht ins Wasser zu fallen. Denn da wohnen sie, die Alligatoren!

Und siehe da: kaum waren wir losgepaddelt, hat auch schon das erste Monster für Monstamovies seine Nase aus dem brackigen Wasser gestreckt. Ist seelenruhig vor uns hergeschwommen, mit seinem gezickzackten Rückenpanzer und seiner praktischen Stupsnase (wären die Nasenlöcher weiter unten, würde ja dauernd Wasser reinkommen). Und hat durch die Kamera mit Sabine geflirtet (er hat ihr wirklich zugezwinkert, mit seinen hübschen gelben Augen!). So macht man das als Alligator wohl mit lecker Mädche…aber so schnell ist die Sabine nicht rumzukriegen. Wir also weiter lautlos wie Winnetou durch den Dschungel geglitten – haben Alligator-Papa, Alligator-Mama und zwei Alligator-Babies gesehen und uns gefühlt wie Crocodile Dundee, bis mit einem riesigen – PLATSCH!!!! – ein Viech aus dem Wasser stach und auf Sabines Schoß landete.

alligator

Alligator-Alarm im ganzen Boot, alle mit sowas von Schiss in der Hose…aber dann war´s nur ein fetter Fisch. Was widerlich genug ist. Aber jetzt haben wir den Beweis: es gibt sie also wirklich, diese mysteriösen asiatischen Springkarpfen! Was die Liste unserer gesichteten wilden Tiere auf 4 ansteigen lässt: an Jadwiga und mir ist nämlich außerdem ein Bär vorbeigeschwommen, und einer Wolfsspinne mit 500 Wolfsspinnen-Eiern auf dem Rücken haben wir am Lagerfeuer das Leben gerettet. Nicht mitgezählt die Schlange, die vor meinem Zelt eine beeinruckende Spur im Sand hinterlassen hat (unsere Crew ist aber noch vollständig, alle 15 Mann und Frau an Bord!)

Lieber fressen als gefressen werden!

Lieber fressen als gefressen werden!

Gegrillt haben wir ihn dann aber nicht, den Springkarpfen. Sabine ist einfach zu tierlieb und hat ihm in bester Vegetarier-Manier die Freiheit wiedergeschenkt. Dafür gab´s von John und Mike ein Überraschungs-Picknick: leckere Alligator-Canapées, alias Lachs auf Crackern.

In den Kanus lebt es sich ohnehin nicht schlecht: wenn man den Floß-Koller hat, kann man darin abhauen und ein bisschen lonely Cowgirl spielen, als kleiner Punkt am Horizont. Wer es aus dem Wasser ins Kanu schafft, darf auch allein damit lospaddeln, sagt Mike (der sich eindeutig im fortgeschrittenen Kanuten-Stadium befindet, wie man auf dem Foto sehen kann.  Letztes Foto unten: Mike macht Handstand im Kanu.

Im Kanu kriegt man auch noch mehr mit, was der Fluss so alles macht – Strudel, die plötzlich aufbrechen und einen im Kreis drehen, Strömungen, die einen flussaufwärts treiben, und natürlich die meterhohen Wellen der Schubverbände. Wenn man  Pech hat, paddelt man sich eine halbe Stunde lang einen ab, um das Kanu mit der Nase nach vorn zu drehen. Aber wenn man Glück hat, treibt man einfach gemütlich vor sich hin und freut sich, dass es trotz Nixtun zügig vorangeht. That´s Mississippi Surfin‘! Mehr dazu übrigens auf Mike´s Website (den Link findet ihr oben).

Allerdings muss man den einen oder anderen Foto-Call über sich ergehen lassen: fast jedes Motorboot, an dem wir vorbeikommen, fährt neugierig zu uns ran. Die Leute sagen dann „Oh my God, ich habe mein ganzes Leben am Fluss gelebt, aber noch nie habe ich hier jemanden in einem Kanu gesehen!“, zücken ihre Kameras und fotografieren einen wie ein seltenes Tier. Als ob die Indianer am Mississippi jemals was anderes gemacht hätten als im Kanu über den Fluss zu paddeln.

So. Das waren die aktuellen Abenteuer. Heute ist nicht viel passiert, weil erster freier Tag seit langem. Es grüßt Euch Eure Pokahontas!

cairo ppp regenbogen sonnenaufgang

sturm marcus kopfstand

(Patricia)

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2 Gedanken zu „Mississippi Surfin‘

  1. @ rückwärtssalto, klarer Fall von zu früh geöffnet

    @ Kopfstand im Boot, könnte ja jeder sein.

    Ich mach ja auch viel Scheiß, aber nur im Kanu neben Alligatoren, huiuiui…

  2. monstachief sagte am :

    Klarer fall von: kein Sprungbrett

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