Mister & Missis.Sippi

Auf den Spuren Mark Twains mit dem Floß durch die Südstaaten

Schnipsel: Vicksburg, Mississippi, 25.6.2009

Unsortierte und unredigierte Erinnerungen an Amerika


Was bisher geschah: Jadwiga, Sabine, Matthias, Tom, Lutz und ich, Volker, sind seit einer guten Woche in Amerika. Wir befinden uns auf der Recherchereise für den anschließenden Dreh der Fernsehserie „Mister & Missis.Sippi“. Mit dem Auto fahren wir am Mississippi entlang von New Orleans in Louisiana in Richtung Saint Louis, Missouri. Gerade sind wir in Vicksburg im Bundesstaat Mississippi angekommen.


Das Dixicana-Motel liegt an der Interstate 61, südlich vom Zentrum von Vicksburg und nahe am Mississippi. Direkt gegenüber dem Hotel, auf der anderen Straßenseite, auf der Spitze des Hügels, in dessen Tal sich Downtown Vicksburg befindet, gibt es einen kleinen Gedenkpark, den Louisiana Circle, voller Kanonen und Relieftafeln mit Soldaten und Offizieren der Südstaatenarmee im Bürgerkrieg sowie einen schönen Aussichtspunkt. Von hier aus hat man einen wunderbaren Blick auf den Mississippi und das bewaldete Ufer von Louisiana auf der anderen Flussseite. Ich gucke mir ein bisschen Fluss und Kanonen an, während Jadwiga und Tom Zimmer für uns buchen. Die Tage der Hotels mit Swimmingpools scheinen gezählt, Schluss mit hochherrschaftlichen Veranden, von denen ich meinen gönnerhaften Blick über das Team schweifen lassen kann. Trotzdem macht das Dixicana einen netten Eindruck. Die Rezeptionsbaracke wirkt ein bisschen schäbig, aber die Holzhäuschen, die den Parkplatz säumen, machen einen guten Eindruck.

Als ich zum Motel zurückkehre, verlassen Jadwiga und Tom gerade das Büro.
„Wartet hier bei den Autos! Unsere Zimmer sind irgendwo dahinten“, ruft Tom und fuchtelt mit einem Arm in Richtung irgendwo dahinten. „Wir gucken uns erstmal die Zimmer an und und ob wir dort parken können.“
Ich zünde mir eine Zigarette an.
Zwei Minuten später sind die beiden zurück. Kreidebleich. Jadwiga kann nur mit schreckgeweiteten Augen den Kopf schütteln. Tom presst ein „Nee!“ hervor. „Das müsst ihr selber sehen!“
Wir folgen ihm, an der Straße entlang, vorbei an den hübschen Holzhäuschen und der Rezeption, zum wahren „Motel Dixicana“: Zwei gegenüberliegende, zweistöckige Ziegelkasernen. Der Putz ist abgeblättert, das Metallgitter der Außengänge und Treppen verrostet. Ein Autowrack gammelt auf dem Parkplatz vor sich hin. Weggeworfene Coladosen, alte Fertiggerichtepackungen, leere Flaschen in braunem Packpapier. Jede Containersiedlung für Bauarbeiter auf Montage sieht einladender aus.
„Oh Scheiße“, sage ich, aber Tom winkt ab.
„Ach das …“, sagt er. „Das ist doch noch gar nichts.“
Er öffnet eins der Zimmer, die wir bekommen haben. Wir drängen hinein. Und treten sofort wieder den Rückzug an. Eine Weile stehen wir in der Tür, schütteln wie vorhin Jadwiga mit schreckgeweiteten Augen die Köpfe oder pressen wie Tom ein „Nee!“ hervor. Ich mache sogar beides.
Schließlich sagt jemand: „Na, wenigstens haben sie sie umgebracht, bevor sie das Zimmer neu vermietet haben.“
Der Boden ist übersät mit Kakalakenleichen. Und wenn ich schreibe: übersät, dann meine ich: übersät. Es sind viele. Sehr viele. Und sie sind groß, sehr groß. Dankbar, dass niemand das Licht angeschaltet hat, schließen wir die Tür wieder.

„Das kommt nicht in Frage. Wir finden was besseres“, sagt Tom und es ist gut, dass ausgerechnet er das sagt, denn Tom verwaltet das Geld und wird von spießigen Sorgen, ob es auch bis ans Ende unserer Reise reicht, geplagt. Er hätte auch sagen können: „Los jetzt, rein da“, was Besseres sei nicht drin, wir sollten uns mal nicht so haben, so ein paar Kakerlaken noch dazu tote – ja!, wenn da ein toter Junkie auf dem Bett gelegen hätte, könnte er das noch verstehen, aber den hätten sie ja zum Glück schon rausgeschafft (zumindest, soweit er das in dem Dämmerlicht beurteilen könne) und in vier Wochen, wenn wir auf dem Floß zurück nach Vicksburg kämen, ließe er nochmal mit sich reden, denn dann sei Patricia dabei, die ist aus dem Westen und vom ZDF, die sei sicher anderes gewöhnt, aber wir seien schließlich alle Kellerkinder aus der DDR, da habe es vierzig Jahre so ausgehen, und jetzt machten wir plötzlich einen auf „Prinzessin auf der Kakerlake“ oder wie oder was?! Also wirklich!
Aber so einer ist Tom zum Glück nicht, was ihm zur Ehre und zum Vorteil gereicht, denn sein Versprechen, etwas Besseres zu finden, lässt uns von Klassenkloppe absehen.

Ein schöner begrünter Innenhof mit Swimmingpool scheint wieder in Reichweite.

Aber besser als mies muss noch lange nicht gut sein …

Das Hotel, für das sich Tom nach einigen Telefonaten und einem Besuch der Touristeninformationsstelle von Vicksburg entscheidet, heißt „Riverwalk“. Es liegt direkt unten am Fuss, ist teurer als das Dixicana und auf ganz andere Art grässlich. Ein Betonberg mit einem Parkplatz, der so groß ist, dass das Hotel einen Minibusshuttle für Leute, die am hinteren Ende parken, eingerichtet hat.
Unter einem Vordach von den Abmessungen eines Schulsportplatzes entladen wir die Autos und werden dabei von einer „Worst of 80’s“-Kollektion aus Dutzenden in den Säulen versenkten Lautsprechern beschallt. Schließlich betreten wir das Hotel, oder besser: das Inferno. Um die Ausmaße der Halle zu beschreiben, zieht man am besten Vergleichsgrößen wie Messehallen oder Flugzeughangare heran. Würde ein Asteroid vom Volumen der Riverwalk-Hotelhalle die Erde treffen, wäre das wahrscheinlich das Ende allen irdischen Lebens. Und angesichts dessen, was sich uns hier darbietet, kann man nicht umhin, in einer solchen kosmischen Katastrophe einen Akt der Gnade zu erblicken …

Fortsetzung folgt.

(VS)

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2 Gedanken zu „Schnipsel: Vicksburg, Mississippi, 25.6.2009

  1. Wunderbar geschrieben! Macht Spaß!
    Hab aber nen Rechtschreibfehler gefunden: „vierzig Jahre so ausgehen…“ ausgeSEhen statt ausgehen 😉 Aber ich will ja eigentlich gar nicht maulen!

  2. Was für ein Name für eine Stadt

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